Die "Gesäusegruppe" | © Markus Mittasch

Gipfelsammeln im Gesäuse -eine Woche unterwegs

Bericht von Markus Mittasch

03.10.2026

Das Gesäuse liegt in den Enntsaler Alpen - Steiermark. Vermutlich ist das Gesäuse der einzige Gebirgsstock der Alpen, der nach einem Geräusch benannt wurde:„Im Gseis"

Unsere diesjährige Bergwander- und Klettersteigtour führt uns in die Steiermark, genauer gesagt ins Gesäuse, oder geografisch korrekter, in die Ennstaler Alpen. Unser vierköpfiges Team besteht dieses Jahr aus Katja, Ralf, Eckes und Markus. Vermutlich ist das Gesäuse der einzige Gebirgsstock der Alpen, der nach einem Geräusch benannt wurde. Das Rauschen des mächtigen und wilden Gebirgsflusses Enns ist verantwortlich für die heutige Namensgebung. Der Kartograf Matthäus Vischer benutzte als Erster 1679 auf seiner Landkarte den Namen „Im Gseis“.

Am frühen Sonntagnachmittag erreichen wir nach knapp 900 Hm Aufstieg das Admonter Haus (1723 m), die höchstgelegene AV-Hütte des Gesäuses. Doch anstatt in Ruhe einzukehren und auf unsere beginnende Bergwoche anzustoßen, deponieren wir unsere Rucksäcke und wollen zügig weiter, zum Hausgipfel Admonter Warte (1804 m). Ein Blick in den Himmel deckt sich mit der Wettervorhersage, bald soll es regnen. Wir fragen noch kurz beim Hüttenpersonal nach, wie lange der knapp 100 Hm steile Aufstieg zum Gipfel denn dauert. Die Antwort kommt prompt: Zwischen 15 und 45 Minuten sei schon alles vorgekommen… Wir vier blicken uns an und haben plötzlich diese verrückte Idee: Wir machen einen Wettlauf zum Gipfel und versuchen die 15 Minuten Aufstiegszeit zu unterbieten. Gesagt, getan. Auf Kommando drücken wir unsere Stoppuhren und rennen ungestüm los. Nach knapp einer Minute und einem gefühlten Puls weit oberhalb des aeroben Bereichs schreit es in meinem Kopf: „Was mache ich hier gerade?“ Eckes und ich schlagen zeitgleich am Gipfelkreuz an – die Stoppuhr zeigt 5,59 Minuten an. Als alle vier auf dem Gipfel angekommen sind, liegen wir uns atemlos in den Armen und müssen über unser kindisches Verhalten laut lachen. Sowas nennt man Gipfelglück. Erst als wir wenig später in der Gaststube des Admonter Hauses sitzen, setzt der Regen ein. 

Das Gesäuse war in den 1920er Jahren ein Hotspot der jungen Wiener Kletter- und Alpinszene. Dort wurden zahlreiche Erstbegehungen durchgeführt. Klettern und Bergsteigen wurde dort gelernt und gelehrt. So bekam das Gesäuse den inoffiziellen historischen Ehrentitel „Universität des Bergsteigens“ verliehen.

Anderntags brechen wir morgens bei wechselhaftem Wetter Richtung Norden auf und steigen auf dem AV-Weg 634 aufwärts. Die Namen der geplanten heutigen Gipfel klingen so, als würden sie aus der Saga „Herr der Ringe“ oder einem anderen Heldenepos stammen: Mittagskogel (2041 m), Natterriegel (2065 m) und Hexenturm (2172 m). Nach Überschreitung der ersten beiden Gipfel befinden wir uns jetzt in der Natterriegelscharte (1980 m), der Stelle an der das Klettersteigset für den Hexenklettersteig angelegt werden soll. Dunkle Wolken, begleitet von starkem Wind, lassen uns erneut den aktualisierten Wetterbericht auf dem Handy checken. Ziemlich bald soll mit hoher Wahrscheinlichkeit Regen einsetzen. Wir besprechen uns im Team. Laut Topo beträgt die Gehzeit im Hexenklettersteig bis zum Gipfel ca. eine Stunde, die wir in etwa auch im Rückweg auf gleicher Strecke brauchen. Der Schwierigkeitsgrad ist zwar nur mit C bewertet und die Gewitterneigung ist extrem gering – trotzdem entschließen wir uns schweren Herzens aus Sicherheitsgründen zur Umkehr. Schließlich gibt es Angenehmeres als bei Wind und Regen in einem Klettersteig zu turnen. 

Als wir Stunden später wieder in der Gaststube des Admonter Hauses sitzen und unsere nasse Regenbekleidung zum Trocknen neben dem brennenden Holzofen hängt, sind wir uns sicher, die richtige Umkehr-Entscheidung getroffen zu haben. Regen prasselt gegen die Fensterscheiben. Mit Gitarrenspiel, Gesang und einer Runde Obstler, die uns der freundliche Hüttenwirt Gottfried spendiert, feiern wir das Hüttenleben und das Gesäuse.

Bei deutlich stabilerem Wetter geht es am Folgetag früh morgens über den Jungfernklettersteig auf den Gipfel des Grabnersteins (1847 m) in der Haller Mauer. Laut der österreichischen Alpinjournalistin Liselotte Buchenauer ist er der „schönste Blumenberg der Steiermark.“ Nach knapp 1000 Hm Abstieg, einem kurzen Autotransfer zum Parkplatz Kummerbrücke (572 m), stehen wir in der Nachmittagshitze am Einstieg des Wasserfallweges, der uns zu unserem Tagesziel Hesshütte (1699 m) führen wird. Die Homepage der Hütte schwärmt von einem der „spektakulärsten Hüttenzustiege der Ostalpen“ – davon wollen wir uns selbst überzeugen.

Wir befinden uns jetzt in der Kernzone des 2002 gegründeten ca. 120 km² großen Nationalparks, dem einzigen der Steiermark. Sofort fällt auf, dass der Wald „unaufgeräumt“ aussieht, soll heißen, dass eine Menge Totholz liegenbleibt und verrotten darf, um Insekten und Pilzen Nahrung zu bieten. In österreichischen Nationalparks gibt es eine spezielle Wegekategorie, den „Naturbelassenen Weg“ und auf genau so einem steigen wir jetzt etwa 1100 Hm aufwärts. Bei dieser Wegekategorie wird nur ein Minimum an Wegpflege vorgenommen und ausdrücklich vor Astbruch gewarnt. Nach etwa vier abwechslungsreichen Stunden Aufstieg, über Leitern, Treppen und seilversicherten Stellen, vorbei am Wasserfall kommen wir hungrig zur Abendessenszeit auf der Hesshütte an. Der 1857 in Wien geborene Unternehmersohn Heinrich Hess ist Namensgeber der Hütte. Er veröffentlichte 1884 den ersten deutschsprachigen Alpinführer der Welt, war Alpinist und gilt als Erschließer und Förderer des Gesäuses.

Am Mittwochmorgen brechen wir Richtung Westen auf und steigen über Josefinen-Klettersteig und Gugelgrat zum Gipfelkreuz des Hochtor (2369 m), dem höchsten Gipfel der Ennstaler Alpen. Diesmal ist das Wetterglück auf unserer Seite und wir dürfen uns über die sehr gute Fernsicht freuen.

Nach einer zweiten Nacht auf der Hesshütte wählen wir den südlichen Abstieg, vorbei an der Quelle Gamsbrunn hin zum Kölblwirt (853 m) im Johnsbachtal. Von dort geht es mit einem rasanten Taxitransfer in wenigen Minuten zum Gstatterboden im Ennstal. Der Fahrstil des Taxifahrers erinnert stark an den des Formel-1-Piloten Nicki Lauda. Froh unfallfrei angekommen zu sein, schultern wir unsere Rucksäcke und beginnen unseren Hüttenzustieg zum Buchsteinhaus (1546 m), unserem Tagesziel. Zahlreiche nicht allzu scheue Gämsen kreuzen unseren Weg durch den Buchenmischwald. Abends auf der Sonnenterrasse des Buchsteinhauses sitzend, bewundern wir die epische Aussicht Richtung Süden auf die Hochtorgruppe. Stolz blicken wir durch das Fernglas hinüber zum Gipfelkreuz des Hochtor (2369 m), an dem wir gestern noch standen. Die untergehende Sonne im Zusammenspiel mit den hellen Kalkfelsen zaubert eine Fülle von Farbverläufen von Gelb, Orange, Rot und Blautönen. 

Am Freitag klettern wir im Südwandband-Klettersteig aufwärts. Wir sind sehr konzentriert, um keine Steine loszutreten, weil einige Mehrseillängen-Kletterrouten den Steig kreuzen und wir definitiv mögliche Kletterer unter uns nicht gefährden wollen. Nach einigen weiteren Höhenmetern stehen wir am Gipfelkreuz des Großen Buchstein (2224 m), unserem sechsten und letzten Gipfel der Tour. 

Einen Tag später und etwa 1600 Hm tiefer stehen wir barfuß im kalten, gesäuselnden Wasser der Enns und wundern uns darüber, dass unsere Bergwanderwoche schon vorüber ist. Wir sind dankbar und glücklich über die Erfahrungen, die wir im Berg sammeln konnten – fast so, als hätten wir wieder eine Woche an der Universität verbracht.